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Engpassberufe in Europa: 2.617 Mangelmeldungen aus 28 Ländern stehen 2.177 Meldungen über Personalüberhänge im selben Erhebungsjahr gegenüber

Engpassberufe in Europa: 2.617 Mangelmeldungen aus 28 Ländern stehen 2.177 Meldungen über Personalüberhänge im selben Erhebungsjahr gegenüber Posted on 25. September 2026

Der europäische Arbeitsmarkt ist in derselben Berufsgruppe gleichzeitig leer und voll. Die Europäische Arbeitsbehörde hat ihren Bericht aus dem europäischen Netz der Arbeitsvermittlungen (EURES) über Arbeitskräftemangel und -überschuss für das Jahr 2025 am 26. Juni 2026 veröffentlicht. Laut dieser Auswertung meldeten 28 teilnehmende Länder zusammen 2.617 Berufe mit Personalmangel. Bei den Personalüberhängen zählt der Bericht 2.177 Meldungen. Wer Teams über Ländergrenzen hinweg zusammensetzt, stößt danach weniger auf fehlende Bewerber als auf fehlende Übersetzungsarbeit zwischen zwei Arbeitskulturen – ein Thema, das eine kulturübergreifende Betrachtung von Wissensmanagement aufgreift.

Wie sich die 2.617 Mangelmeldungen über die Erhebungsländer verteilen

Fünf Kennziffern aus dem EURES-Bericht beschreiben die Verteilung. Sie zeigen, dass der Mangel keineswegs gleichmäßig über den Kontinent liegt, sondern sich auf wenige Länder und wenige Berufsgruppen ballt:

  • Italien meldete 253 Mangelberufe, die Niederlande 195, Bulgarien 193, Belgien 184 und Rumänien 170.
  • Diese fünf Länder stehen zusammen für 38 Prozent aller gemeldeten Mangelberufe.
  • Am unteren Ende meldete Malta vier Mangelberufe, Kroatien und Irland je 30.
  • Bei den Überhängen entfallen auf Österreich 322 und auf Finnland 316 Berufe; beide zusammen machen ein Drittel aller Überschussmeldungen aus.
  • 57 Prozent der Mangelmeldungen stuft der Bericht als mittelschwer oder schwer ein.

Die Zahl der breit gemeldeten Engpassberufe ist gegenüber dem Vorbericht von 43 auf 24 gesunken. Laut der Auswertung hat sich der Mangel dort zugleich verschärft: Im Schnitt gelten 30 Prozent dieser Meldungen als besonders gravierend, zuvor waren es 24 Prozent. Der Engpass wird also schmaler und tiefer zugleich.

Warum ein Mangelberuf im Nachbarland ein Überschussberuf ist

Der Bericht formuliert den zentralen Befund als Möglichkeit, nicht als Klage. Nahezu jeder Beruf, der in mindestens einem Land als Mangelberuf gemeldet wird, erscheint in einem anderen Land als Überschussberuf. Die Europäische Arbeitsbehörde spricht von einem weitgehend ungenutzten Potenzial für Arbeitskräftemobilität.

Rund ein Viertel der Beschäftigung in den Erhebungsländern entfällt auf Berufe mit breitem Mangel oder breitem Überhang, das entspricht etwa 53 Millionen Menschen. Die Zusammensetzung dieser Gruppe ist auffällig einseitig: Frauen stellen laut Bericht nur gut ein Viertel der Beschäftigten in den breiten Mangelberufen, aber rund 70 Prozent in den Überschussberufen.

Auch die Altersstruktur verschärft die Lage. Nach Angaben der Europäischen Arbeitsbehörde sind Beschäftigte ab 50 Jahren in Mangelberufen mit 36 Prozent und in Überschussberufen mit 39 Prozent überdurchschnittlich vertreten. Der Ersatzbedarf steigt damit in beiden Gruppen, während jüngere Jahrgänge in den Mangelberufen fehlen.

Wie deutsche Betriebe an ausländische Fachkräfte kommen

Deutschland zieht wieder mehr Erwerbszuwanderung an. Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge vom 31. März 2026 stiegen die Ersterteilungen von Aufenthaltstiteln zu Erwerbszwecken an Drittstaatsangehörige im ersten Halbjahr 2025 um 19,4 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2024. Bei der Bildungsmigration fiel der Zuwachs mit 40,6 Prozent noch deutlicher aus. Das Niveau des Jahres 2023 ist bei der Erwerbsmigration allerdings noch nicht wieder erreicht.

Die eigentliche Arbeit beginnt nach der Einreise. Der EURES-Bericht nennt aufwendige Anerkennungsverfahren, Sprachanforderungen und unterschiedliche Qualifikationszuschnitte als die Faktoren, die eine grenzüberschreitende Besetzung ausbremsen – und zwar auch dort, wo Bewerberinnen und Bewerber formal verfügbar wären. Für die Einarbeitung heißt das: Fachliches Wissen liegt oft vor, das Betriebswissen fehlt. Wie sich dieser Teil in verteilten Teams systematisch weitergeben lässt, beschreibt eine Abstimmung von Wissensprozessen in verteilten Teams.

„Eine offene Stelle über die Grenze zu besetzen, ist die leichtere Hälfte der Aufgabe. Die schwerere beginnt am ersten Arbeitstag, wenn jemand fachlich alles kann und trotzdem nicht weiß, wen er im Haus fragen muss“, sagt Alexander Weipprecht, Geschäftsführer der Provimedia GmbH.

Wie stark Gesundheit und Pflege die europäischen Engpassberufe prägen

Ein Sektor trägt den Mangel besonders sichtbar. Laut dem EURES-Bericht beschäftigt der Gesundheits- und Pflegebereich in den Erhebungsländern rund 25 Millionen Menschen und damit etwa 11 Prozent aller Erwerbstätigen. Fünf der 24 breit gemeldeten Mangelberufe stammen aus diesem Bereich.

Der Bericht beziffert auch, wie stark dieser Sektor bereits auf Zuwanderung stützt. Bei häuslichen Pflegekräften sind 8 Prozent mobile Beschäftigte aus anderen EU-Staaten und 26 Prozent Zugewanderte. In stark regulierten akademischen Gesundheitsberufen liegt der Anteil mobiler oder zugewanderter Beschäftigter bei bis zu 18 Prozent.

Lange Ausbildungswege und geregelte Qualifikationsanforderungen begrenzen dabei, wie schnell das Angebot reagieren kann. Genau deshalb bleibt die Besetzung über Ländergrenzen für diesen Bereich keine Nebenoption, sondern der Hauptweg.

Wie ein Betrieb den Wissenstransfer über Ländergrenzen organisiert

Aus den Zahlen folgt eine organisatorische Aufgabe, keine rechtliche. Wer eine Stelle mit einer Fachkraft aus einem anderen Land besetzt, kauft eine Qualifikation ein und übernimmt zugleich die Aufgabe, das nicht dokumentierte Betriebswissen übertragbar zu machen: Zuständigkeiten, Abkürzungen, ungeschriebene Abläufe, Kundenhistorien.

Der EURES-Bericht weist außerdem auf einen zweiten Effekt hin, der die Personalplanung im September 2026 betrifft. Während die Beschäftigung in 18 der 24 breiten Mangelberufe seit 2021 weiter gewachsen ist, ging sie bei allgemeinen Bürokräften zurück. Der Bericht sieht darin einen möglichen Effekt des zunehmenden KI-Einsatzes und hält weitere Rückgänge für wahrscheinlich.

Die nächste Vergleichsmessung liegt fest. Die Europäische Arbeitsbehörde legt den EURES-Bericht jährlich vor; die Auswertung für das Jahr 2026 ist im Sommer 2027 zu erwarten.

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